
Reformierte Kirche | Glockenaufzug | 1957
Schon seit längerer Zeit hatte man in Otelfingen einen Glockenfonds geäufnet. 1957 beschloss die Kirchgemeinde-Versammlung den Kirchturm zu sanieren und gleichzeitig die alten Glocken durch ein neues, fünfstimmiges und elektrisch angetriebenes Geläut zu ersetzen. Die Kosten wurden mit CHF 100’000 für die Aussenrenovation und CHF 92’000 für neue Glocken beziffert. Die drei alten Glocken verkaufte man entgegen einem ersten Beschluss jedoch nicht. Die mit 625 kg grösste und schwerste, die „Schlatterglocke“ von 1608, steht heute direkt beim Kirchturm, und die aus dem Jahr 1825 stammende, mittlere (160 kg) wurde an die Kirchgemeinde Dielsdorf weitergegeben, wo sie ihren Platz bis heute neben der Kirche fand. Die kleinste von 1491 (sie soll aus der längst verschwundenen St. Antonius-Kapelle beim Steinhof am alten Otelfinger-Kirchweg nach Würenlos stammen) hängte man 1959 in das neu errichtete Türmchen auf dem Gemeindehaus Hüttikon, wo sie seither bei Bedarf auch läuten darf. In der „Denkschrift an die Kirchen- und Glockenweihe Otelfingen 1957“ wird ausführlich auf die Vor-, Bau- und Glockengeschichte eingegangen.
Von diesen ereignisreichen Tagen vom 23./24.8.1957 existieren gegen 200 Aufnahmen. Ein Fotograf begleitete damals im Auftrag der Kirchenpflege die ganze Veranstaltung vom Abholen der Glocken auf dem Bahnhof Baden, vom Umzug mit Fuhrwerken durch die drei Dörfer der Kirchgemeinde, dem Festakt auf dem Schulhausplatz und dem durch die Schuljugend vollzogenen Glockenaufzug. Auch viele Menschengruppen und Einzelpersonen wurden abgelichtet. Die entwickelten Bilder hängte der Fotograf in den Tagen nach dem Glockenaufzug vor dem Primarschulhaus auf, und sie konnten durch die Bevölkerung wahlweise nachbestellt werden. Dr. Alfred Güller kaufte von sämtlichen Fotos je eine Kopie. Sie befinden sich heute im Archiv der Kirchgemeinde Otelfingen und können auf deren Webseite (www.kirche-otelfingen.ch/Angebote & Anlässe/Fotos und Berichte/Historisches-Glockenaufzug 1957) angesehen werden.
Läuten von Hand bis 1957
Bis 1957 wurden die dreistimmigen Glocken von Hand geläutet. Musste jeweils nur eine Glocke gezogen werden (z.B. Montag bis Samstag um 05.00, 11.00, 16.00 und um 20.00 Uhr), erledigte die Familie des Sigrists diese Arbeit selbst. Waren jedoch mehrere Glocken im Einsatz (z.B. am Samstagabend zum Einläuten des Sonntags, zum Gottesdienst, an Feiertagen oder bei Hochzeiten und Beerdigungen) mussten Läutebuben, 10 bis 14-jährige Schüler aus dem Dorf, die Glocken bedienen. Damit war ein grosser Kraftaufwand verbunden, und eine entsprechende Technik war nötig, damit sich der Klang gleichmässig und harmonisch anhörte. Vier Knaben teilten sich in diese Aufgabe und zwei, drei Freiwillige stiessen nach Bedarf oder Interesse dazu. Die Entschädigung betrug für jeden der vier amtlich gewählten Buben CHF 20.00/Jahr, und die Auszahlung erfolgte an Silvester beim Sigristen, verbunden mit Speis, Trank und Spielen bis zum frühen Morgen.
Das Amt war recht begehrt, durfte man doch bei Hochzeiten oder Beerdigungen (weil dann mehrstimmig geläutet werden musste) unter der Woche jeweils die Schule verlassen, um diesen wichtigen Dienst auszuüben. Der Lehrer hatte die Buben dann springen zu lassen. Bei Hochzeiten gab es vom Brautpaar manchmal ein grosszügiges Trinkgeld. Normalerweise wurde das Geläut im Kirchturm auf der 3. Ebene neben den Glocken gezogen, weil die Bedienung damit einfacher war. Die Lärmbelastung war aber hoch, und der Einsatz von Gehörschutz nicht üblich. Bei kaltem und windigem Wetter zog man die Seile im 1. oder 2. Obergeschoss des Kirchturms. Bei Beerdigungen mussten die Buben im Glockenstuhl durch die geschlossenen Fensterläden hinausspähen, um den richtigen Zeitpunkt des Läutebeginns nicht zu verpassen. Dieser trat dann ein, wenn der Trauerzug von Boppelsen her im Oberrain um den Breitlen-Rank kam, jener von Hüttikon die Brücke über den Furtbach passierte, oder man begann bei Beerdigungen von Menschen aus Otelfingen einfach um 14 Uhr mit dem Ziehen aller drei Glocken. Weil sich die Trauergemeinde jeweils sehr feierlich und langsam bewegte, erschien den Läutebuben die Zeit unendlich lange, bis der durch Pferde gezogene Leichenwagen (damals wurde der Verstorbene zu Hause aufgebahrt und vor der Bestattung zu Hause mit dem gemeindeeigenen Leichenwagen abgeholt) endlich vor der Kirche hielt. An Hochzeiten mussten aber vorgängig sämtliche Läden im Turm weit geöffnet werden, damit sich der freudige Glockenschall ungehindert nach allen Seiten ausbreiten konnte.
Hie und da kletterten und krochen die Buben trotz Verbot ganz hinauf in den engen Turmhelm. Aus der obersten Luke hatte man einen wunderbaren Blick über das Dorf und das umgebende Land. Dieser Teil des Kirchturms war jeweils voller Fledermäuse, die in Trauben von den Balken hingen. Und man konnte von dort Steinchen auf die Dächer der umliegenden Häuser werfen. Wenn die erzürnten Besitzer dem Schabernack ein Ende bereiten wollten, waren die Laus- bzw. Läutebuben schon längst über alle Berge verschwunden.
Die grösseren, erfahrenen Buben gaben ihr Wissen und Können an die kleineren weiter, und spätestens mit der Konfirmation endete dieser Einsatz. Die jüngeren und körperlich schwächeren Schüler übernahmen das Läuten der kleinsten und der mittleren Glocke. Die grösste und damit schwerste Glocke wurde den ältesten und kräftigsten Buben zugeteilt. Musste lange geläutet werden (z.B. 15 und mehr Minuten), wechselten man sich jeweils ab. Übten die Läutebuben ihre Aufgabe aber nachlässig aus, weil zum Beispiel der richtige Zeitpunkt des Beginns nicht eingehalten wurde oder der Glockenklang unregelmässig war, stand jeweils schnell „Sigrischte-Heiri“ im Turm und sprach ein Machtwort. Denn er kontrollierte von zu Hause aus nach Gehör, ob die Aufgabe des Läutens richtig und gut ausgeführt wurde.

Der alte, aus massiven Eichenbalken bestehende Glockenstuhl wurde im Frühjahr 1957 aus dem Glockenturm entfernt und als Provisorium auf der Südseite der Kirche neu aufgebaut. Die Läutebuben mussten dabei aufpassen, dass sie während des Umbaus bei ihrer Tätigkeit nicht von den Glocken getroffen wurden, weil die Seile kürzer waren und sie deshalb nahe beim Glockenstuhl stehen mussten. Im Herbst 1957, nach Abschluss der Renovation und der Inbetriebnahme des neuen, nun elektrisch angetriebenen Geläutes, wurden die alten Glocken abgehängt und ihrer Bestimmung zugeführt (siehe oben). Die massiven Eichenbalken verkaufte man an Interessenten, die daraus Brennholz machten. Einige Bauern sicherten sich auch geeignete Holzstücke, um sie im Keller als Unterlagen für die Weinfässer einzusetzen. Weinbau gehörte damals in den Kirchdörfern Boppelsen und Otelfingen (Hüttikon hatte seine letzten Rebberge bereits in den Dreissigerjahren aufgegeben) noch zu vielen Familien.
Weiterer Kommentar und Quellen siehe „Reformierte Kirche | 1924“.
Quelle(n)
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Duttweiler Rudolf, Steter Wandel – eine Furttaler Saga, Eigenverlag, 2014, Seiten 212ff und 291ff
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Güller Alfred, Ortsgeschichte Otelfingen, Chronos-Verlag Zürich, 1991
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Kirchenpflege Otelfingen, Denkschrift an die Kirchen- und Glockenweihe Otelfingen 1957
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Markwalder Ruedi, Hochfelden
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Meier Walter, Otelfingen




